Vor zehn Jahren entstanden die #Molol, die Mobile Schule Oldenburg, und die #Wes4.0. Daraus entwickelte sich das prägende Lehrer-Fortbildungsformat für Lernen in einer digitalen Welt: spontan, freiwillig – und umsonst. Doch wie lange lässt sich das noch halten?
Von
Christian Füller
Alle reden gerade über Lehrerfortbildungen. Man müsse sie irgendwie neu und auf jeden Fall verpflichtend machen. Andreas Hofmann und Saskia Ebel reden nicht nur darüber, sondern sie machen sie – seit über zehn Jahren. Die beiden beurlaubten bzw. abgeordneten Lehrer haben ein neues Format von Fortbildung eingeführt, das sich während Corona über die ganze Bildungsrepublik ausgebreitet hat. Zum Teil Tausend Lehrerinnen und Lehrern nehmen an den Trainings teil, deren wesentliche Merkmale sind: groß, spontan, mit Spaß – und natürlich freiwillig. Die Ursprünge liegen in der „Molol“, der „Mobilen Schule Oldenburg“, und in der „WES4.0“, der Fortbildung an der Walter-Eucken-Schule in Karlsruhe. 
Staatliche Lehrerfortbildungen haben oft den Nachteil, dass sie bürokratisch, langwierig und vor allem sehr langweilig sind. Lehrkräfte schlagen gern die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie davon erzählen. Ganz anders die über das Twitter-Lehrerzimmer verkündeten Fortbildungen Molol oder Wes4.0, deren Nachfolger es inzwischen auch digital gibt. Bei der letzten analogen Mobilen Schule Oldenburg im Jahr 2019 dauerte es zwei Stunden, ehe die 1.000 Tickets vergeben waren. 
Keiner hat den Hut auf
Die Art dieser Fortbildung sieht auf den ersten Blick nicht wie ein Hexenwerk aus: in Tabellen-Listen mit 45-Minuten-Zeitfenstern werden die verschiedenen Angebote bekannt gegeben. Oft ist es möglich, last minute noch einen Workshop oder eine Session anzubieten. „Der Witz an der Molol ist“, beschreibt ihr Gründer Andreas Hofmann, „dass es eigentlich niemanden gibt, der da den Hut aufhat. Ich setze nur die Puzzleteile aus Angeboten zusammen. Das Programm ist so gut wie das, was aus der Community kommt.“ Das Besondere an der Massenfortbildung ist aber womöglich etwas anderes: Kein Bildungsministerium steht dahinter, kein Lehrerseminar und – bislang – kein kommerzielles Weiterbildungsinstitut. 
Heute gibt es das Prinzip Molol überall in der Republik. Als erste hat Saskia Ebel, eine Informatiklehrerin aus Karlsruhe, ein Pendant der Selbstlern-Community von Norden nach Süden exportiert. „Als wir das zum ersten Mal für andere Schulen öffneten“, erzählt Projektleiterin Ebel, „hatten wir nicht damit gerechnet, dass es so gut angenommen wird. Hier soll es menscheln – und kein kommerzielles Ding draus werden.“ Tatsächlich sind Mobile Schule und Wes4.0 bislang gratis – von einem Beitrag fürs Buffet abgesehen. Ob sich das auf Dauer halten lässt? Inzwischen taucht das typische Schachbrettmuster von 45-Minuten-Sessions auch bei den „Tabletdays“, der „excitingedu“ und vielen anderen Fortbildungen wie „eduswabia“ auf. Die Referenten, die Art der Veranstaltung, die Schnelligkeit in der Verbreitung, das ist alles eine Kopie von Hofmanns und Ebels Ansatz: Lehrer schulen Lehrer – und haben Spaß dabei. Die nächsten Fortbildungen, die Ebel und Hofmann anbieten, sind „digital@regional“ für Sekundarstufe 1&2 am Mittwoch und Mobile Schule am Donnerstag dieser Woche. Da geht es von „Freude am Coding“ über „Gesunder Rücken im Homeoffice“ bis hin zu „Erklärvideo und Kinofilm; von „Richtig geiler Shice: die Medienwerkstatt“ über „Fakenews im Unterricht“ bis zu „Gamification Level 2“.
Die Fortbildungen fürs digitale Lernen Marke Hofmann/Ebel haben 2010 ganz klein begonnen. Als Andreas Hofmann noch Realschullehrer an der Waldschule Hatten in Cloppenburg war, holte er 25 Kolleginnen zusammen, um ihnen zu erklären, wie ein Tablet funktioniert. Dann kam eine weitere Schule hinzu, später Lehrkräfte aus der Region, wieder später Pädagogen aus ganz Deutschland. Inzwischen kann Hofmann, auch was die Teilnehmerzahlen anlangt, mit den Marktführern mithalten – abgesehen vielleicht von der bayerischen Lehrerbildungsakademie ALP in Dillingen. Die „Akademie für Lehrerbildung und Personalführung“ hatte 2020 insgesamt 235.000 Lehrkräfte in der Fortbildung – das ist eine Vervierfachung gegenüber 2019. Hingegen ist ein anderer renommierter freier Veranstalter geradezu kollabiert. Die Berliner Republica hatte 2019 die „relearn“ offiziell als Subkonferenz zu digitaler Bildung angeboten – mit 35 Sessions. 2021 war ausgerechnet bei den Digitalprofis von Lernen keine Rede mehr. Auf Nachfrage hieß es, es gebe 2021 „aus verschiedensten Gründen keine eigene Subkonferenz mit dem Titel re:learn“. Wie es weiter geht, könne man in den nächsten Monaten erfahren. 
Lehrerfortbildung wird zum Markt
Die Schmallippigkeit deutet auf ein Phänomen hin, das die Fortbildungsszene umtreibt: Sie ist ein Markt geworden. Einerseits, weil der Staat nicht immer so wach ist wie die bayerische Akademie und private Konkurrenz in die Lücke stößt. Andererseits, weil das Jahr 2020 einen Digitalisierungsschub ausgelöst hat, wie die Autoren der Studie „Digitalisierung der Schule“ festhalten – auch in der Fortbildung für das Lernen mit digitalen Technologien (Bildung.Table berichtete). Selbst in Bundesländern mit Spitzenwerten, wie Rheinland-Pfalz und Bremen, wo fast 90 Prozent der Lehrkräfte die Möglichkeit zum Digital-Training hatten, gab es seit 2020 noch erhebliche Steigerungen – in Bremen um 22 Punkte, im Südwesten um 12 Punkte. Aber die Konkurrenz belebt das Geschäft nicht nur, sie forciert auch Eifersüchteleien. 
So gibt der Leiter der ALP im bayerischen Dillingen, Alfred Kotter, zu Protokoll, dass „das Angebot von Mobile Schule für uns kein Vorbild war“. Gleichzeitig muss der Direktor aber einräumen, dass einige der „engagiertesten und renommiertesten Referent*innen“ der Bayern bei der Mobilen Schule auftreten. Aber Kotter ist sich auch bewusst, dass Mobile Schule und Wes4.0 einen anderen Coolness-Faktor haben als die Personalführer aus Bayern. Er lobt die gelungene Außendarstellung, von der sich lernen ließe. Gut sei auch „die Netzwerkbildung und Community, die sich in und um die Tagung herum gebildet hat und von den Trägern etwa über stete Twitterpräsenz genährt wird“. 
Immer neue Formate und Events
Freilich findet derzeit kein Event zur digitalen Bildung statt, ohne dass Giftpfeile verschossen werden. Der Initiator der Mobilen Schule, teilt ein staatliches Institut maliziös mit, sei „selbst Lehrer, aber aktuell wohl vom Dienst beurlaubt“. Er betreibe inzwischen „eine Medienagentur und die Mobile Schule als Geschäftsmann“. Tatsächlich haben sich die beiden Mütter aller digitalen Fortbildungen, die Mobile Schule und die Wes4.0, weiterentwickelt. Hofmann bietet nicht nur allmonatlich eine „Mobile Schule digital“ an, mit der er im Jahr 2020 rund 9.000 Teilnehmer erreichte, sondern es gibt eine „Mobile Schule Flatrate“ – ein kommerzielles Angebot. Es kostet, etwa „Tablets in der Grundschule – können die das?“ von der Nürnberger Lehrerin Verena Knoblauch, zwischen 19 Euro als Einzellizenz und 4.800 Euro als sechsmonatige Schullizenz für 100 Lehrkräfte. Die Leiterin der Wes4.0, Saskia Ebel, ist an das staatliche Landesmedienzentrum gewechselt, wo sie eine ganze Reihe von neuen Formaten gegründet hat – von der digital@regional über eine moodle-Fortbildung bis zur Gamification-Konferenz „exploreandlearn“. 
Kann Saskia Ebel, die explizit „kein kommerzielles Ding“ machen will, dort ohne Kommerz arbeiten? Bei ihren Angeboten handelt es sich um „offizielle Lehrerfortbildungen, die immer kostenlos bleiben werden.“ Aber natürlich entstehen Kosten. Als sie jüngst für die exploreandlearn den Star unter den Serious Gamern in den USA anheuerte, war sie glücklich – und musste tief in die Tasche greifen. Jane McGonical riss allerdings die deutschen Lehrkräfte hin.